Tao Te King



Die eigene Lehre

 

 

Leicht

ist zu verstehen, was ich sage,

und leicht auch

danach zu handeln;

dennoch gibt es niemanden in der Welt,

der imstande wäre,

sich danach zu richten.

 

 

Nur wenige

gibt es, die mich verstehen;

darum schätzt man mich hoch.

 

 

 


 

 

 

Das Tao

 

 

Das Tao,

das so genannt werden kann,

ist nicht das ewige Tao.

Der Name,

der genannt werden kann,

ist nicht der ewige Name.

Das Namenlose

ist der Anfang von Himmel und Erde,

als Benanntes ist es

die Mutter der zehntausend Wesen.

 

 

Das Große Tao wogt hin und her,

es kann links und rechts sein.

Alle Wesen bauen darauf im Leben,

und es weist sie nicht zurück.

Wenn es sein Werk vollendet hat,

so beansprucht es nicht den Ruhm davon.

Es liebt und nährt alle Geschöpfe

und spielt nicht den Herren.

Stets ist es wunschlos

und kann klar genannt werden.

Alle Geschöpfe wenden sich ihm zu,

aber es kehrt nicht den Herrn heraus

und kann als groß bezeichnet werden.

 

 

Das ist des Himmels Tao:

Dem wird genommen,

der Überfluss hat;

dem wird gegeben,

der nicht genug hat.

Das dagegen ist der Menschen Tao:

Sie nehmen denen,

die nicht genug besitzen;

sie geben denen,

die bereits Überfluss haben.

 

 

Das Tao in der Welt

ist wie das große Meer,

in das alle Ströme streben.

 

 

Tao

ist dauernd ohne Handeln;

aber es gibt nichts,

was es nicht vollbringen könnte.

 

 

Sein Werk tun

und sich dann zurückziehen:

Das ist das Tao des Himmels.

 

 

Das Große Tao -

es ist

ein ebener Weg.

Das Volk aber

bevorzugt Seitenpfade.

 

 

Verliert man das Tao,

dann folgt darauf die Tugend;

verliert man die Tugend,

dann folgt darauf die Menschlichkeit;

verliert man die Menschlichkeit,

dann folgt darauf die Gerechtigkeit;

verliert man die Gerechtigkeit,

dann folgt darauf die Sittsamkeit.

Die Sittsamkeit aber

ruht auf verderbter Aufrichtigkeit und Treue

und bildet

den Anfang allen Streits.

 

 

Das Tao des Himmels

kennt keine Bevorzugten;

es ist immer mit dem Guten.

 

 

Wer

dem Tao zuwiderhandelt,

der

wird früh enden.

 

 

Wer

höchste Kraft erlangt hat,

der beginnt zu altern.

Das heißt:

Er ist ohne Tao.

Denn wer Tao nicht hat,

der ist bald am Ende.

 

 

Wer mit Tao ans Werk geht,

wird eins mit dem Tao;

wer mit Tugend ans Werk geht,

wird eins mit der Tugend;

und wer beide verliert,

wird eins mit der Verlorenheit.

 

 

Es steht für sich

und ist unwandelbar;

es kreist im Rund

und ist unerschöpflich.

Man könnte es nennen:

Mutter der Welt.

Doch seinen wahren Namen kenne  ich nicht,

daher nenne ich es Tao.

 

 

Die Kraft der Tugend -

sie wächst immer aus dem Tao.

Das Wirken des Tao aber

ist in sich unfassbar und wunderbar.

Die Bilder in ihm -

nicht zu begreifen, nicht zu fassen sind sie.

Die Wesen in ihm -

nicht zu begreifen, nicht zu fassen sind sie.

 

 

Verborgen

ist das Tao

und ohne Namen

und doch

spendet es allen Vollendung.

 

 

Hört

ein Gebildeter vom Tao,

dann folgt er ihm sorgsam nach;

hört

ein Halbgebildeter vom Tao,

dann folgt er ihm wohl,

verliert es aber auch;

hört ein Ungebildeter vom Tao,

dann lacht er darüber.

Würde er nicht darüber lachen,

was wäre das wohl für ein Tao!

 

 

Wer

das Tao versteht,

scheint nichts zu verstehen;

wer

im Tao vorwärts schreitet,

scheint rückwärts zu gehen.

 

 

Das Tao -

es ist Hort der zehntausend Dinge;

für den guten Menschen ein Schatz,

für den schlechten Menschen eine Zuflucht.

 

 

Richtschnur für den Menschen ist die Erde;

Richtschnur  für die Erde ist der Himmel;

Richtschnur für den Himmel ist das Tao;

Richtschnur für das Tao ist es selbst.

 

 

Wer

dem rechten Weg nicht folgt,

wird rasch vergehen.

 

 

Festhalten

am Tao des Altertums

und damit das Heute lenken,

wissen um den Urbeginn -

das nennt man:

Richtschnur des Tao.

 

 

 


 

 

 

 

Nicht-Tun

 

 

Dein Tun

sei Nicht-Tun;

dein Geschäft

sei Nicht-Geschäftigkeit.

 

 

Sei nachgiebig und schwach;

so bezwingst du Unnachgiebigkeit und Stärke.

 

 

Wer

seinen Mund verschließt,

Auge und Ohr versperrt,

den plagt keine Mühsal bis zum Ende.

Wer

seinen Mund auftut

und Geschäften nachgeht,

dem kann nicht geholfen werden bis zum Ende.

 

 

Wer

Nicht-Tun praktiziert

für den gibt es nichts,

was er nicht regieren könnte.

 

 

Wer

das Lernen pflegt,

nimmt täglich zu;

wer

das Tao pflegt,

nimmt täglich ab. -

Wer

abnimmt und immer weiter abnimmt,

der gelangt zum Nicht-Tun:

Nichts tut er

und doch wird alles getan.

 

 

Nur was rein und still ist,

vermag Richtschnur für die Welt zu sein.

 

 


 

 

 

 

Die Ordnung der Dinge

 

 

Wer

das Ewige nicht kennt,

der bringt - sinnlos - Unheil mit sich;

wer

das Ewige kennt,

der ist weitherzig.

Weitherzig - das ist: gerecht;

gerecht - das ist: königlich;

königlich - das ist: dem Himmel gleich;

dem Himmel gleich - das ist: einssein mit dem Tao;

einssein mit dem Tao - das ist: unvergänglich.

 

 

Als das Große Tao verloren ging,

da entstanden Menschlichkeit und Gerechtigkeit;

als Klugheit und Scharfsinn aufkamen,

da entstand Heuchelei;

als der Sippenzusammenhalt schwand,

da entstanden Kindespflicht und Vaterliebe;

als der Staat in Verfall und Wirrungen geriet,

da entstand der treue Untertan.

 

 

Wer

sich der Bestimmung zuwendet,

der ist beständig;

wer

das Ewige kennt,

der ist erleuchtet.

 

 

Die große Fülle

scheint leer zu sein,

und doch kann man sie nicht ausschöpfen.

 

 

Der Raum

zwischen Himmel und Erde,

gleicht er nicht einem Blasebalg?

Hohl ist er,

doch er fällt nicht zusammen;

er wird bewegt,

und bringt doch viel hervor.

 

 

In der Welt

ist nichts weicher und schwacher

als das Wasser;

und doch

greift es das Harte und Starke an,

und nichts könnte es bezwingen,

denn nichts vermag es zu ändern.

 

 

Ein jeder weiß,

dass das Schwache das Starke

und das Weiche das Harte besiegt;

und doch

bringt es keiner fertig,

danach zu handeln.

 

 

Sein und Nichtsein bedingen einander,

Schwierig und Leicht vollenden einander;

Lang und Kurz messen einander;

Hoch und Niedrig erzwingen einander;

Stimme und Ton fügen sich einander;

Vorher und Nachher schmiegen sich aneinander.

 

 

Wer

sich das Tao bewahrt,

der wird nicht Fülle begehren;

denn

nur wer Fülle nicht begehrt,

kann bewahren, ohne Neues zu schaffen.

 

 

Das Werk vollenden

und sich dann zurückziehen -

das ist des Himmels Tao.

 

 

Das höchste Gute

ist wie das Wasser:

Das Wasser ist gut,

es nützt allen Wesen,

aber es streitet sich mit niemandem.

 

 

Das Vollkommene

scheint reichlich unvollkommen;

und ist doch zu allem zu gebrauchen.

 

 

Die größte Offenbarung

ist die Stille.

 

 

Reinheit und Stille -

das ist die Ordnung der Welt.

 

 

Erreichen

das Äußerste der Leere;

bewahren

die allergrößte Stille -

dann

wird es allen Wesen wohl ergehen.

 

 

Bewegung

hilft gegen Kälte;

Stillhalten

hilft gegen Hitze;

Bewegung und Stillhalten aber

erhalten der Welt

das rechte Maß.

 

 

Nur wer

sich nicht streitet,

ist ohne Fehl.

 

 

Auch wenn

ein großer Hass besänftigt wird,

es bleibt ein Rest davon zurück.

Ist das denn gut?

 

 

Alles in der Welt

kommt aus dem Sein;

doch das Sein

kommt aus dem Nicht-Sein.

 

 

Die Geschöpfe -

wer sie mindern will,

der mehrt sie;

wer sie mehren will,

der mindert sie.

 

 

Heimkehr zur Wurzel,

das ist Stille.

Man nennt das:

Zurück zum Wesentlichen.

 

 

Wer

einen Baum sieht,

hat alle Bäume gesehen.

 

 

Wer

stolz ist

auf Ehre und Reichtum,

der schafft sein eigenes Verderben.

 

 

Viele Worte

erschöpfen sich schnell.

Besser ist es,

Maß zu halten.

 

 

Niemand

kann mit Gold und Juwelen gefüllte Hallen

sicher bewahren.

 

 

Pflege das Einfache

und wahre das Schlichte;

mindere den Eigennutz

und verdräng die Begierde.

 

 

Das Netz

des Himmels reicht weit,

und seine Maschen sind groß;

dennoch

entgeht ihm nichts.

 

 

Das ist des Himmels Art:

für niemanden

hat er eine besondere Vorliebe,

aber immer

ist er auf der Seite der Guten.

 

 

Himmel und Erde

sind nicht fähig,

Dauer zu schaffen;

wie also

könnte dies dem Menschen gegeben sein?

 

 

 

 


 

 

 

 

Der Herrscher

 

 

Wer

über dem Volk sein will,

der muss sich erniedrigen;

wer

dem Volk voran sein will,

der muss sich hintanstellen.

 

 

Schwer

ist das Volk zu regieren,

wenn es zu klug ist.

 

 

Nicht vorzeigen,

was begehrenswert ist -

so wird des Volkes Herz

nicht aufbegehren.

 

 

Ist die Regierung lahm,

dann ist das Volk einfältig;

ist die Regierung zielstrebig,

dann ist das Volk kraftlos.

 

 

Nicht

darfst du den Fisch

aus der Wassertiefe aufsteigen lassen;

nicht

darf man dem Volke

die machtvollen Waffen des Staates zeigen.

 

 

Wenn

das Volk den Tod nicht genug achtet,

dann liegt das daran,

dass die Oberen das Luxusleben suchen.

 

 

Mit Klugheit

das Reich zu beherrschen,

das ist des Reiches Unglück;

nicht mit Klugheit

das Reich beherrschen,

das ist des Reiches Glück.

 

 

Der wahre Herrscher

legt keinen besonderen Wert auf Worte,

allein seine Werke

sind ihm von Wert.

 

 

Der Weise sagt:

Wer

die Übel des Landes auf sich lädt,

der wird Priester des Landes genannt;

wer

das Unheil des Reiches auf sich lädt,

der wird Herr des Reiches werden.

 

 

Klein

soll der Staat sein

und gering an Zahl das Volk;

und mag es

noch so viele Geräte geben,

er soll sie nicht benutzen.

 

 

Ein großes Land regieren

gleicht dem Kochen kleiner Fische.

 

 

Wer sich selbst besiegt,

der ist stark.

 

 

Bevorzuge nicht die Fähigen;

so erreichst du,

dass das Volk sich nicht ereifert.

 

 

Dies

ist die äußerste Erleuchtung:

Nachgiebigkeit und Schwachheit

siegen über Unnachgiebigkeit und Stärke.

 

 

Wer

schwer zu erlangende Güter

nicht zu hoch bewertet,

der bewirkt, dass das Volk

nicht räuberische Gelüste nährt.

 

 

Der weise Herrscher

hat kein unveränderliches Herz;

aus des Volkes Herzen

macht er sein eigenes Herz.

 

 

Wenn

einer daran dachte,

die Macht im Reich an sich zu reißen,

so wäre dies vergeblich.

Denn

das Reich ist ein geistiges Gefäß,

an das man nicht rühren darf.

Wer daran rührt,

zerstört es;

wer danach greift,

dem geht es verloren.

 

 

Je mehr

Verbote es gibt,

desto ärmer ist das Volk;

je mehr

Waffen das Volk hat,

desto größer ist die Verwirrung im Staat.

Je mehr

Kunstfertigkeit im Volk ist,

desto seltsamere Dinge gibt es;

Je mehr

Gesetze es gibt,

desto mehr Räuber und Diebe treiben ihr Unwesen.

Daher sagt der Weise:

Ich übe Nicht-Tun,

dann wandelt sich das Volk von selbst.

 

 

Strebst du

nach höchster Ehre,

dann bleibt Ehre dir versagt.

 

 

Wem

das Reich ebensoviel wert ist,

wie das eigene Ich,

dem kann man

das Reich anvertrauen.

 

 

Mit Tao

das Reich regieren -

dann ist's vorbei mit Geisterspuk;

nicht dass sie über keine Kraft mehr verfügten,

doch die Kräfte

beeinflussen die Menschen nicht mehr.

 

 

Wenn

das Volk Hunger leidet,

dann kommt das daher,

dass die Oberen zu viele Steuern verbrauchen.

Dann leidet es Hunger

und ist schwer zu regieren.

Weil die Oberen so geschäftig sind,

darum ist es so schwer zu lenken.

 

 

Wer

ganz oben ist, von dem wissen die Niederen,

dass es ihn gibt;

den darunter,

den loben sie;

den darunter,

den fürchten sie;

den darunter,

den verachten sie.

 

 

Der rechte Herrscher -

so ist seine Regierung:

Er leert die Herzen,

er füllt des Volkes Bäuche,

er schwächt ihre Wünsche,

er stärkt ihre Knochen.

Für immer

lässt er das Volk

ohne Wissen und ohne Begehren

und erreicht so,

dass auch die Klugen nicht wagen zu handeln.

 

 

Wenn

der Palast prunkvoll ist,

der Acker dagegen wüst

und leer der Speicher;

wenn

die Kleider prächtig sind

und ein scharfes Schwert gegürtet wird,

wenn

es Völlerei gibt an Speis und Trank

und im Übermaß Schätze aufgehäuft sind:

Das nennt man

fürwahr eine Räuberregierung.

Dies hat nichts zu tun mit Tao.

 

 

Der Heilige Herrscher sagt:

Ich übe Nicht-Tun

und das Volk gedeiht wie von selbst;

ich verhalte mich still

und das Volk findet von selbst die rechte Ordnung;

ich gehe keinen Geschäften nach

und das Volk wird von selbst reich;

ich begehre nichts

und das Volk wird von selbst einfach.

 

 

Drei kostbare Schätze, die ich bewahre:

Der erste ist Mitgefühl,

der zweite ist Mäßigung,

der dritte ist Zurückhaltung.

Wer Mitgefühl besitzt,

der kann selbst mutig sein;

wer Mäßigung besitzt,

der kann selbst großzügig sein;

wer Zurückhaltung besitzt,

der kann selbst allen Wesen voranstehen.

 


 


 

 

 

 

Über die Tugend

 

 

 

 

 

Ewig

ist der Himmel

und ewig ist die Erde;

was aber macht ihnen möglich,

ewig zu dauern?

Es ist,

weil sie nicht selber leben,

darum können sie ewig leben.

 

 

Daher

setzt der Heilige sein Selbst zurück

und kommt so voran;

er verzichtet

auf sein Selbst

und bewahrt es auf diese Weise.

 

 

Wer

sich selbst überwindet,

wird stark.

 

 

Die höchste Tugend

weiß nicht von Tugend,

daher ist sie Tugend;

die niedere Tugend

kann auf Tugend nicht verzichten,

daher mangelt es ihr an Tugend.

 

 

Wer

mit keinem streitet,

der macht niemandem

den Sieg streitig.

 

 

Wer

das Männliche weiß

und das Weibliche bewahrt,

der wird das Strombett der Welt.

Wer

das Strombett der Welt ist,

den verlässt die Tugend nicht

und er wird wieder zum Kind.

 

 

Erzeugen,

doch nicht um es zu besitzen;

tun,

doch nicht um etwas dafür zu verlangen;

behüten,

doch nicht um es zu beherrschen -

das ist die größte Tugend.

 

 

Wer

Tugend besitzt,

der hält Verträge ein;

wem Tugend fehlt,

der fordert nur.

 

 

Wahre Tugend

gibt sich nie als Tugend.

 

 

Nur

wenig reden,

das ist der Wille der Natur.

 

 

Wer

der Tugend Kraft

 in sich trägt,

der ist dem Neugeborenen gleich:

Vom giftigen Gewürm

wird er nicht gestochen,

von Raubtieren

nicht angefallen,

und von Greifvögeln

nicht angegriffen.

 

 

Die uralte Tugend,

sie ist tiefgründig und weit

und im Widerspruch

zu allen Dingen.

Doch nur

wer ihr folgt,

dem naht die große Harmonie.

 

 

Es gibt

keinen größeren Fehler,

als seinen Begierden

freien Lauf zu lassen.

 


 


 

 

 

 

Der Mensch

 

 

 

.

 

Dein

Wunsch sei nicht,

zu funkeln wie ein Edelstein,

sondern gemein zu sein,

wie der einfache Fels.

 

 

Mit gedrechselten Worten

kann man manches erhandeln,

doch nur durch's rechte Verhalten,

kann man die anderen überflügeln.

 

 

Die

schlechten Menschen -

weswegen

sollte man sie verwerfen?

 

 

Weg

mit der Heiligkeit

und fort mit der Klugheit!

Die Menschen

werden daraus hundertfach Nutzen ziehen.

Weg

mit der Menschlichkeit

und fort mit der Gerechtigkeit!

Die Menschen

werden zu Kindespflicht

und Elternliebe zurückfinden.

Weg

mit der Geschicklichkeit

und fort mit dem Gewinnstreben!

Dann

wird es weder Räuber noch Diebe geben.

Denn diese drei Dinge

sind schön, doch genügen sie nicht.

 

 

Gewaltsam

ist der Tod,

den der Gewalttätige stirbt.

 

 

Der Mensch

ist weich und schwach,

wenn er geboren wird;

im Tode aber

wird er hart und steif.

Tiere und Pflanzen

sind zart und nachgiebig,

wenn sie entstehen;

sie werden dürr und starr,

wenn sie vergehen.

Also:

Starr und Hart -

sie sind Begleiter des Todes.

Weich und Schwach -

sie sind Begleiter des Lebens.

 

 

Vergeltet Hass

mit Liebe!

 

 

Wer

keinen Streit beginnt,

der wird auch nicht getadelt.

 

 

Wer

sich selbst rühmt,

der kann nicht gewinnen.

 

 

Der weise Mensch

denkt nie

an eigene Größe;

drum wird er groß.

 

 

Verzichte

auf das Erlernte,

und  du wirst ohne Sorgen sein.

 

 

Ein guter Rechner

braucht keinen Rechenstab.

 

 

Ein guter Händler

versteckt seine Waren

und tut so,

als habe er nichts anzubieten.

 

 

Die Menschen

muss man lehren:

Kehrt zum Einfachen und Wahren zurück,

vermindert Eigensucht und Begehren!

 

 

Wer weiß,

der redet nicht;

wer redet,

der weiß nicht.

 

 

Es gibt

kein größeres Unglück,

als nie genug zu bekommen.

 

 

Wer

sein Leben nicht hochschätzt,

taugt mehr als der,

dem viel an seinem Leben liegt.

 

 

Ewig

besiegt das Weibliche

das Männliche -

durch Stille.

 

 

Der gute Redner

hegt keine Hintergedanken.

 

 

Kein

größeres Unheil gibt es,

als nach Profit zu streben.

 

 


 

 

 

 

Über die Wahrheit

 

 

 

 

Wahre Worte

sind nicht angenehm;

angenehme Worte

sind nicht wahr.

 

 

Gut und Schlecht -

wie wenig

sind sie einander fern!

 

 

Seit

jeder weiß, dass das Schöne schön ist,

seitdem gibt es das Hässliche;

seit

jeder weiß,

dass das Gute gut ist,

seitdem gibt es das Schlechte.

 

 

Dreißig Speichen

vereinen sich auf der Nabe.

Da, wo nichts ist,

befindet sich des Rades Brauchbarkeit.

 

 

Aus Ton

werden die Krüge geknetet;

da, wo nichts ist,

befindet sich der Gefäße Brauchbarkeit.

 

 

Tür und Fenster

werden aus der Hauswand geschlagen;

da, wo nichts ist,

befindet sich des Hauses Brauchbarkeit.

 

 

Das wahre Wort -

es klingt

gar oft

verkehrt.

 

 

Der Wissende

ist nicht gelehrt;

der Gelehrte

ist nicht wissend.

 

 

Wer gut ist,

der ist nicht beredt;

wer beredt ist,

der ist nicht gut.

 

 


 

 

 

 

Der Weise

 

 

 

 

 

Der Weise

tut ohne Taten

und lehrt ohne Worte.

 

 

Wer weiß,

dass er nichts weiß,

der ist der Höchste.

 

 

Nicht das Haus verlassen

und doch die Welt kennen;

nicht aus dem Fenster schauen

und doch das Tao des Himmels sehen.

Wer

weit weg geht,

der weiß sehr wenig!

 

 

Nichts ist schlimmer

als nicht genug zu wissen.

 

 

Wer

das Helle weiß

und das Dunkle bewahrt,

der ist Vorbild für die Welt.

Wer

Vorbild ist für die Welt,

der verfehlt die Tugend nicht

und kehrt zurück

in den Urzustand.

 

 

Seiner selbst

nicht achten -

und darum erleuchtet werden.

 

 

Wer

die Ehre weiß

und die Unehre bewahrt,

der wird das Tal der Welt.

Wer

das Tal der Welt ist,

der hat der Tugend genug

und kehrt heim

zur Einfalt.

 

 

Wer

nicht auf sein Recht pocht,

dem wird Recht gegeben.

 

 

Dich selbst

sollst du nicht loben,

dann

wirst du erhöht werden.

 

 

Wer

die anderen bezwingt,

der ist stark;

wer

sich selbst bezwingt,

der ist mächtig.

 

 

Der Weise

hält sich an das Eine;

so wird er Vorbild

für die ganze Welt.

 

 

Wer

auf sich selbst sieht,

der wird nicht erleuchtet.

Wer

sein eigen Tun für richtig hält,

der wird nicht beachtet.

 

 

Seine Verdienste

nicht herausstellen -

das heißt:

Verdienstvolles schaffen.

 

 

Himmel und Erde -

sie kennen keine Freundlichkeit;

wie Strohhunde sind für sie die Geschöpfe.

Der Weise -

auch er kennt keine Freundlichkeit;

wie Strohhunde sind für ihn die Menschen.

 

 

Der Weise -

er schafft die Dinge,

doch nicht um sie zu besitzen.

Denn

er tut und verlangt nichts für sich.

Er hütet sie,

doch nicht um sie zu beherrschen.

Das ist die ureigenste Tugend.

 

 

Die Ruhe

ist der Meister

des Handelns.

 

 

Der Weise

häuft keine Schätze an.

Er sorgt für die anderen,

um so mehr besitzt er;

er gibt den anderen,

um so mehr hat er.

 

 

Der Große Mensch

hält sich ans Ganze

und verharrt nicht

beim Unvollkommenen.

Er hält sich an die Frucht

und verharrt nicht

bei der Knospe.

 

 

Wer

nicht genug Vertrauen hat,

dem

wird nicht vertraut.

 

 

Wer

auf Zehen geht,

hat keinen festen Stand;

wer

breitbeinig schreitet,

kommt nicht voran.

 

 


 

 

 

 

Über den Krieg

 

 

 

Wer

mit Tao dem Menschenherrscher dient,

der unterdrückt nicht

mit Waffengewalt die Welt;

denn

es könnte auf ihn zurückschlagen.

 

 

Herrscht

Tao in der Welt,

dann werden die Pferde

zum Ackern geschickt.

Herrscht Tao nicht in der Welt,

dann grasen

die Kriegsrösser auf den Feldern.

 

 

Wer

tüchtig ist,

der siegt, das ist genug,

und er wagt  nicht,

Gewalt anzuwenden, um es zu erobern.

Er siegt, ohne zu prahlen;

er siegt, ohne sich zu rühmen;

er siegt ohne stolz zu sein;

er siegt, wenn er nicht anders kann;

er siegt, doch ohne gewalttätig zu sein.

 

 

Wer

fähig ist,

ein Heer zu führen,

der suche nicht den Krieg.

Wer

fähig ist,

einen Kampf durchzustehen,

der lässt sich nicht vom Zorn packen.

Wer

fähig ist,

den Feind zu besiegen,

den dürstet nicht nach Streit.

 

 

Waffen

sind Geräte des Unheils

und keine Geräte für den Edlen.

Nur

wenn es nicht zu vermeiden ist,

nimmt er sie in Gebrauch.

 

 

Auch

schöne Waffen

sind keine glückbringenden Geräte;

alle Wesen

verabscheuen sie von Herzen.

Und wer Tao besitzt,

verlässt sich darauf nicht.

 

 

Es gibt

nichts Schlimmeres,

als den Feind zu unterschätzen;

leicht kann ich so

um meine Schätze gebracht werden.

 

 

Wer siegt,

soll sich dessen nicht rühmen.

Sich dessen zu rühmen,

hieße sich freuen,

Menschen zu töten.

Wer sich freut;

Menschen zu töten,

der zwingt niemals

der Welt seinen Willen auf.

 

 

Wo

die Heerschar lagert,

da wachsen

danach Disteln und Dornengestrüpp;

und

im Gefolge großer Armeen

gibt es Jahre der Not.

 

 

Wenn

zwei gleichstarke Gegner

gegeneinander die Waffen schlagen,

siegt der,

den Mitleid bewegt.

 

 

Vertraut das Heer auf seine Stärke,

dann kann es nicht siegen.

 

 

Sind

viele Menschen getötet worden,

so soll man sie

in verzweifelter Trauer beweinen.

Wer aber

den Kampf gewonnen hat,

der soll sich fühlen

wie bei eine Leichenfeier.